Valerie

Friday, January 13, 2006

2.Essay

Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

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Boas – Zur Person
Franz Boas lebte von 1852 – 1942. Er wurde in Deutschland geboren und immigrierte später auf Grund seiner jüdisch-deutschen Herkunft in die USA.
In Heidelberg, Bonn und Kiel absolvierte Boas sein Studium in Physik; weiterst galt sein Interesse auch der Geographie. Im Jahr 1883 machte sich Boas auf zu „Baffin Island“ im Norden Kanadas. Er untersuchte dort den Einfluss der physischen Umgebung auf Völkerwanderungen der Inuits. Durch diese Arbeit wurde er 1886 in Berlin zum Privatdozent ernannt und wurde als Anthropologe bekannt. Außerdem studierte er die Kulturen der nordamerikanischen Nordwestküste am Royal Ethnological Museum in Berlin und führte mehrere Feldforschungen durch, unter anderem bei den Kwakiutl.
Heute gilt er sogar oft als „Vater/Gründer der amerikanischen Anthropologie“. [1]

Kulturrelativismus
Boas warf der evolutionistischen Richtung der Anthropologie, vertreten unter anderem von Morgan und Tylor, vor ethnozentrisch zu sein. Seiner Meinung nach kann man kulturelle Phänomene nur im eigenen Kontext verstehen. „...each culture had to be understood on ist own terms and that it would be scientifically misleading to judge and rank other cultures according to a Western, ethnocentric typology gauging‚ levels of development’.“ [3]
Selbst war Boas ein Vertreter des Kulturrelativismus’ und legte großen Wert auf die Betonung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Kulturen. Boas ging selbst gerne auf Feldforschung, weil er nicht wollte, dass Informationen über Kulturen, die sich schnell verändern oder leicht beeinflusst werden, verloren gehen. Deswegen wird er auch „Feuerwehrethnologe“ genannt. [4] Für die Forschungen in fremden Kulturen führte er ein neues Konzept namens „four field approach“ ein, welches heute noch in der amerikanischen Anthropologie in Verwendung ist. [1] In diesem Punkt unterscheidet sich die amerikanische von der europäischen Anthropologie. Es sollen nämlich nicht nur die Kultur- und Sozialanthropologie, sondern auch die physische Anthropologie, Linguistik, Kulturanthropologie und Archäologie beachtet werden wenn man eine Kultur untersucht. [3] Dieses Konzept prägte den Begriff „Holismus“, man fasst eine fremde Kultur als Ganzheit auf, nicht aber unterteilt man sie in verschiedene Kategorien und bewertet sie danach, so wie es Evolutionisten machen. Diese Ansicht war auch im „historical particularism“ vertreten; „…all societes or cultures had their own, unique history that could not be reduced to a category in some universalist scheme of development“. [3]

Seine Schüler
Während seiner Zeit als Universitätsprofessor an der Columbia University unterrichtete Boas unter anderem Alfred L. Kroeber, Robert Lowie, Frank Speck, Edward Sapir; außerdem hatte er großen Einfluss auf Margaret Mead und Ruth Benedict (1887-1948) [1] welche die Begründer der „Culture- and Personality- School“ waren.

- Margaret Mead (1901-1978)
Die Schülerin Boas beschäftigte sich mit dem Kulturdeterminismus – „Einfluss der Kultur ist wesentlich höher als der von den veranlagten Eigenschaften“.
Sie ging auf mehrere Feldforschungen: Polynesien: Samoa, Pazifik: Arapesh, Mundugumor, Tchambuli, Neu Guinea: Manus, Iatmul und Indonesien: Bali. [5]
Bekannt wurde Magarete Mead für ihr Buch “Coming of Age in Samoa“. Während der dafür durchgeführten Feldforschung lebte sie bei einer amerikanischen Familie in Samoa und wählte für ihre Studie 50 Mädchen aus. Diese befragt sie dann um herauszufinden ob Pubertät zwangsweise eine schwierige Phase sei, oder ob dies kulturell geprägt ist. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Pubertät in Samoa eine unproblematische und schöne Zeit des Lebens ist, was ihrer Meinung nach auf den offenen und flexible Umgang mit Sexualität zurückzuführen ist. Für diese Arbeit erhielt Margarete Mead viel Kritik, da sie kaum die Sprache der Bewohner Samoas sprach und sie ihre Forschungen schon nach 3 Monaten beendet hatte. Außerdem stellte sich später heraus, dass die Ergebnisse ihrer Studien nicht der Wirklichkeit entsprachen, sondern nur Wünsche der von ihr befragten Mädchen waren.
In den USA schockierte die Veröffentlichung dieses Buches viele Bürger. Es wurde nämlich gesagt, dass man viele Probleme in der Erziehung lösen könnte wenn man die Samoanische Freizügigkeit anwenden würde.
Ein besonders eifriger Kritiker Meads war Derek Freeman. Er veröffentlichte 5 Jahre nach ihrem Tod, seine Kritik an dem „Südsee – Mythos“ und Margarete Mead’s Forschungsweisen.
Jedoch muss man erwähnen, dass Margarete Mead durch ihre Arbeit die Bevölkerung Amerikas dazu brachte ihre eigenen Werte zu hinterfragen. [2]

- Ruth Benedict (1887-1948)
Benedict’s Hauptinteresse galt der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und ihr berühmtestes Werk ist „Patterns of culture“ – veröffentlicht im Jahre 1934. Darin beschäftigt sie sich mit dem Problem der kulturellen Vielfalt, portraitiert und kontrastiert die Gesellschaft der Kwakiutl, Zuni und Dobu. Sie teilt ihnen 2 unterschiedliche Wesenstypen zu: „apollinisch“ für die Zuni und „dionisch“ für die Kwakiutl.
Ihre These der kulturellen Vielfalt benennt sie die Auswahl und die verschiedenen Kombinationen aus der großen Bandbreite an Kulturelementen mit „patterns“ und definiert auch Normalität. Ruth Benedict kommt zu dem Schluss, dass Normalität von jeder Kultur selbst definiert wird, daher kann was für die einen normal erscheint von eine andere Kultur auch ganz anormal empfunden werden.
Weiterst veröffentlichte Ruth Benedict im Jahre 1946 eine Nationalcharakteristikstudie in Japan „The Chrysanthemum and the sword“. Die Amerikaner wollten durch ihre Hilfe die Japaner besser verstehen und bekämpfen können. Da Ruth Benedict jedoch nicht nach Japan reisen konnte, wandte sie eine neue Methode an „study of culture at a distance“. [2]

Sowohl Margarete Mead und Ruth Benedict schrieben in einem sehr populärwissenschaftlichen Stil und lösten des öfteren Diskussionen in der eigenen Gesellschaft aus.

Boas war ein sehr wichtiger Vertreter der amerikanischen Anthropologie seiner Zeit und ist es heute noch. Jedoch muss man beachten, dass die Anwendung des Kulturrelativismus’ heutzutage immer schwieriger wird, da durch Migrationen u.ä. viele multikulturelle Gesellschaften entstehen und man möglicherweise durch die Betonung der einen Kultur die andere ausschließt oder herabsetzt.




Quellenangaben
[1]
http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas; 10.01.06

[2] Tutorium zur Einführung in die Geschichte der KSA, Daniela Digruber und Andrea Ben Lassoued ; 09.12.05

[3] Thomas Hylland Eriksen: Small Places, Large Issues, Second Edition 2001 , Seite 14

[4]
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/franz_boas.html

[5]
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/margaret_mead.html; 12.01.06



weitere Informationsquellen:
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/ruth_benedict.html; 12.01.06
Vorlesung Einführung in die Geschichte der KSA; Prof. Gingrich; WS 05/06
http://en.wikipedia.org/wiki/Margaret_Mead; 12.01.06http://en.wikipedia.org/wiki/Ruth_Benedict; 12.01.06

Friday, November 25, 2005

Durkheim
- Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20.Jahrhunderts?
Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?


Der Franzose, Emile Durkheim, wurde am 15.April 1858 in Epinal geboren und starb an einem Schlaganfall im Jahre 1917.

Er ist in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen, sein Vater war Rabbiner. Durkheim selbst wandte sich während seiner Jugend vom Judentum ab, aber der jüdische Einfluss blieb ihm sein Leben lang erhalten.

Seine Ausbildung machte Durkheim an der „Ecole Normale Supérieure“ in Paris. Dort studierte er unter anderem mit dem sozialistische Politiker Jean Jaurès. Diese Bekanntschaft trug sicherlich einiges zu Durkheims Einstellung bei.
Nach Abschluss seiner Ausbildung unterrichtete er anfangs Philosophie an Gymnasien, 1896 bekam er eine Stelle als Professor für Soziologie und Pädagogik in Bordeaux und ab 1902 lehrte er Erziehungswissenschaften an der Sorbonne in Paris.
Grundlage für die heute bekannte Durkheim Schule war die „Année Sociologique“, eine interdisziplinäre Zeitschrift, welche er 1898 gründete und die damals als revolutionär angesehen wurde.
Wohl einer seiner bekanntesten Schüler war sein Neffe Marcel Mauss, aber auch der Anthropologe Maurice Halbwachs war ein Schüler Durkheims . Auch hatte Durkheim großen Einfluss auf verschiedene Theoretiker wie Rene König, Georges Bataille und Pierre Bourdieu.

Zusammen mit Max Weber und Karl Marx gilt Durkheim als Gründer der europäischen Anthropologie, aber auch die Soziologie wurde stark von ihm geprägt. Er revolutionierte die gesamte Sozialwissenschaft in Europa und schaffte eine Nähe zu anderen Sozialwissenschaften.
Durkheim prägte sowohl den britischen Funktionalismus als auch den französischen Strukturalismus.

Durkheim war der Meinung, dass es wichtig sei sich mit der eigenen Gesellschaft auseinander zusetzen und fixierte sich nicht, wie viele andere Anthropologen, auf weit entfernte, exotische Kulturen. Er wird heute noch als Armchair Anthropologist bezeichnet, da er sich mehr auf die Informationen Anderer verließ als selbst auf Feldforschung zu gehen.[1] Dies wird oft als Kritikpunkt angeführt wenn man von Durkheim spricht.


Durkheims wichtigsten Werke:
- (1893) de la division du travail social (Über soziale Arbeitsteilung)
- (1897) le suicide (Der Selbstmord)
- (1912) les formes elementaires de la vie religieuse (Die elementaren Formen des religiösen Lebens)

Über soziale Arbeitsteilung

Schon Jean-Jacques Rousseau suchte nach einer Erklärung für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und kam schließlich auf den „contract sociale“. Auch Durkheim stellte sich dieser Frage, erklärte sich den inneren Zusammenhalt aber nicht mit dem „Gesellschaftsvertrag“ sondern mit Hilfe zweier Begriffe: „Organische Solidarität“ und „Mechanische Solidarität“. [1]

„Organische Solidarität“ trifft auf die Industrie Gesellschaft zu. Diese hat eine stark strukturierte Arbeitsteilung. Die Menschen in solch einer Gesellschaft übernehmen verschiedene Aufgaben und spezialisieren sich in bestimmten Bereichen, alleine könnten sie ihre Bedürfnisse nicht abdecken und meist nicht überleben, aber auch die Gesellschaft funktioniert nur durch ihre Hilfe. Jedes Individuum leistet seinen eigenen Beitrag damit diese Struktur nicht zusammenfällt. Daher sind alle Menschen dieser Gesellschaft aufeinander angewiesen.

„Mechanische Solidarität“ hingegen beschreibt den Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht durch Arbeitsteilung, sondern stellt gemeinsame Werte, wie z.B.: Religion, die Integration und Zusammenhalt sichern, in den Mittelpunkt.

Beide dieser Strukturen bauen auf Solidarität zwischen den Mitgliedern auf. „Individuals interact in accordance with their obligations to others and to society as a whole. In doing so, each person also receives some recognition of his or her own rights and contributions within the collectivity. Social morality in this sense is strictly necessary for solidarity between people to occur; without morality socities cannot exist” [2]


Der Selbstmord

Dieses Werk ist das erste Beispiel von mehreren durchgeführten Projekten der Durkheim Schule. Durkheim wählte dieses Thema um zu zeigen, dass der Selbstmord zwar durch die psychologische Verfassung des Individuums zu Stande komme, aber auch, dass die Gesellschaft hierbei eine wichtige Rolle trage.
In Folge seiner Untersuchung, stellte Durkheim fest, dass es in den verschiedenen europäischen Ländern und in den verschiedenen Religionen große Unterschiede in den Selbstmordraten gab. Bei den Katholiken, z.B., wird Selbstmord Gottverachtend angesehen und diese Personen dürfen nicht auf katholischen Friedhöfen begraben werden. Daher sind hier die Selbstmordraten geringer als in manch anderen Religionen.
Außerdem fand Durkheim drei verschiedene Formen des Suizids.
„altruistic“: dieser Selbstmord findet aus selbstlosen Gründen statt. Diese Menschen sind sehr gut in die Sozialstruktur integriert und opfern sich für andere.
„egotistical“: hier ist das Fehlen des Gemeinschaftssinnes der Auslöser für den Suizid.
„anomic“: dieser Selbstmord geschieht meist wenn die Gesellschaft dem Individuum keine Unterstützung in schwierigen Phasen bieten kann. Dem Menschen fehlt dann das Gefühl der Zugehörigkeit. [3] Hier entwickelte sich der Begriff „Anomie“, den Durkheim als „Situation, in der Verwirrung über soziale und/oder moralische Normen herrscht, diese unklar oder schlicht nicht vorhanden sind“ definiert. Dies führt nach Durkheim zu abweichendem Verhalten. [4]


Die elementaren Formen des religiösen Lebens

Während Durkheim sich mit dem inneren Zusammenhang einer Gesellschaft befasste, erkannte er, dass Religion im gesellschaftlichen Leben eine zentrale Rolle spielt. Deswegen beschäftigte sich Durkheim in diesem Werk mit dem Ursprung religiöser Ideen. Das Zentrum seiner Theorie ist die Dichotomie sakral/ profan. Sakral definiert er als „etwas von den menschlichen Alltagsgeschäften Abgehobenes, Entrücktes und zugleich Verbotenes, etwas, das den Lebenden zeitlich vorangehe, sie beschütze, belehre, ernähre, dominiere, bestrafe und sie letzten Endes auch überlebe.“ [5] Als einzig reale übermenschliche Macht jedoch bezeichnet er die kollektiven Vorstellungen („représentations collectives“) einer Gesellschaft. Ein Mensch wird in eine Gesellschaft hineingeboren in der diese kollektiven Phänomene schon bestehen und sehr starken Einfluss besitzen, es bleibt ihm also nichts anderes übrig als diese zu akzeptieren und zu verinnerlichen. Unter anderem meint Durkheim: „Religion sei letztlich nichts anderes als eine Transformation der übermächtigen représentations collectives in sakrale Symbole“ [5]
Um die Entstehung aller Religionen zu erklären wollte sich der Anthropologe mit den primitivsten und einfachsten Religionen beschäftigen. Für seine vertiefenden Studien wählte Durkheim den australischen Klan Arunta und dessen Religion: den Totemismus. Da das Totem ein wichtiger Bestandteil der Klan- Identität war, weckte der damit verbundene Kult ein intensives Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität, welches wiederum ein Bindemittel für Integrität und Fortbestand der Gruppe war. [5]
Seine Erklärung für die Existenz Gottes war: “God was simply society’s representation of itself in symbolic form; in worshiping God, one was worshiping society, and through it oneself as a member of it.” [6] Was wieder seine Meinung, Religion ist ein Faktor der die Gesellschaft zusammenhält, zeigt.


Obwohl es viele Kritiker Durkheims gibt, muss man sich wohl eingestehen, dass er einer der wichtigsten Anthropologen, seiner und auch noch in der heutigen Zeit, war/ist.



Quellenangaben:

[1]
Vorlesung Prof. Gingrich, 16.11.05

[2]
Grabb, Edward G., Theories of Social Inequality: Classical and Contemporary Perspectives, second edition, Toronto, Holt, Rinehart and Winston, 1990. (S.79)

[3]
Barth F., Gingrich A., Parkin R., Silverman S., One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology, University of Chicago Press, 2005. (S.179)

[4]
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim

[5]
Fischer H., Beer B., Ethnologie – Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2003. (S.208)

[6]
Barth F., Gingrich A., Parkin R., Silverman S., One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology, University of Chicago Press, 2005. (S.173)


Brockhaus; Wiesbaden, Deutschland, 1968

www.wikipedia.org

http://uregina.ca/~gingrich/318o2302.htm; (16.11.05)

Thursday, October 27, 2005

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